Fahrbericht Suzuki GSX 600 F

Im Reich der Mitte

Die Klasse der 600er Vierzylinder ist nicht gerade dünn besetzt. Mit der neuen GSX 600 F quetscht Suzuki nun ein weiteres Modell in das auch im eigenen Haus gut bestückte Marktsegment. Kann sich die Neue ein Plätzchen an der Sonne sichern?



Zwischen den beiden 600er Banditen – mit oder ohne Halbschale – und der supersportlichen GSX-R 600 muß doch noch Platz für ein weiteres Modell sein. So meinen wohl die Marketingexperten von Suzuki und schieben die frisch renovierte GSX 600 F zwischen die beiden Banditen und den Supersportler. Preislich allerdings rückt die 11.990 Mark teure, aber vollverschalte Neue vor allem der halbverkleideten 600er Bandit recht nah auf den Pelz: Gerademal 640 Mark liegen zwischen den beiden Suzukis. Auch leistungsmäßig geben sich die beiden 600er nicht viel, was angesichts des fast baugleichen Vierzylinders auch kein Wunder ist. Die GSX 600 F wird von einem der inzwischen unzähligen Nachfolger jenes luft/-ölgekühlten Reihenvierzylinders angetrieben, der seine Premiere in der GSX-R 750 R von 1985 feierte und mit verschiedenen Hubräumen immer noch diverse Suzuki-Modelle befeuert. Der extrem kurzhubige Motor wird von vier 32er Mikuni-Vergasern mit Gemisch versorgt, die Vier-in-Eins-Auspuffanlage aus Edelstahl verfügt über ein Interferenzrohr zwischen den Zylindern zwei und drei, was für guten Durchzug aus niedrigen Drehzahlen sorgen soll.

Dies ist allerdings nur teilweise gelungen. Die Suzuki zieht aus Drehzahlen um 3000 Touren zunächst ganz nett voran, fällt dann aber jenseits von 5000 Umdrehungen in ein deutliches Phlegma und geht erst jenseits von 8000 U/min wieder gut. Das maximale Drehmoment von 55 Newtonmetern liegt erst bei 10.000 Touren – gerademal 500 Umdrehungen unterhalb der maximalen Leistung – an, eigentlich ein Charakterzug eines extrem sportlichen Triebwerks, das der Motor der GSX 600 F mit seinen »nur« 80 PS nun ja beileibe nicht ist. Bei starkem Gegenwind dreht der Motor im sechsten Gang noch nicht einmal über 7000 Touren hinweg, was einem Tempo von etwa 150 km/h entspricht. Abhilfe schafft da nur fleißiges Rühren im etwas knochig zu schaltenden Sechsganggetriebe. Der Schalthebel liegt ein bißchen nahe am Fuß, wodurch Schaltvorgänge unnötig schwergemacht werden.

Gute Noten fährt die GSX 600 F aber in Sachen Fahrwerk ein. Der in seinen Grundzügen bereits aus dem Vorgängermodell bekannte Vierkantrohrrahmen aus Stahl wirkt sehr stabil. Vorn federt nun eine 41-mm¬Telegabel mit einstellbarer Dämpferzugstufe. Hinten gibt's eine solide Stahlkastenschwinge mit Zentralfederbein, dessen Federvorspannung siebenfach und dessen Dämpferzugstufe vierfach einstellbar ist. Die Federwege betragen 130 Millimeter vorn und 142 Millimeter hinten. Auf der Landstraße gibt sich die neue Suzuki ausgesprochen handlich, ohne daß bei hohen Geschwindigkeiten irgendeine Form von Instabilität zu spüren wäre. Die Abstimmung des Fahrwerks ist gut, wenn auch die Gabel eine minimal härtere Feder vertragen könnte. Die Maschine steht vorn trotz der auf niedrigstem Level justierten Zugstufe immer sehr tief in der Feder und geht bei harten Bremsmanövern auch schon mal spürbar auf Block. Der positive Aspekt dieser Gabel-Abstimmung ist die sehr gute Vorderradführung beim harten Beschleunigen auf holprigem Untergrund und das ausgesprochen sensible Ansprechen auf feine Unebenheiten.

Gute Noten auch für die Bremsanlage mit Doppelscheibe vorn und Einzelscheibe hinten. Beide Stopper lassen sich sauber dosieren und gefühlvoll mit wenig Kraft an die Blockiergrenze bringen. An der Wirkung gibt's nichts auszusetzen. Die Sitzposition für den Fahrer ist gut, wenn auch die Fußrasten ein bißchen hoch angebracht sind. Nach einer Tagestour jedenfalls schmerzen die Knie. Angesichts der wirklich ausreichenden Bodenfreiheit würden sich insbesondere großgewachsene Fahrer minimal niedrigere Rasten wünschen. Der Lenker hingegen liegt satt in der Hand, auf den Handgelenken lastet auch bei engen Paßabfahrten kaum Druck. Die eiförmige Verkleidung bietet guten Windschutz, lediglich der Helm liegt noch im allerdings wirbelfreien Luftstrom. Bemerkenswert: Die Sicht in den beiden Rückspiegeln ist hervorragend, was leider immer noch nicht selbstverständlich ist.

Ordentlich auch die übrige Ausstattung der Suzuki: Die Instrumentierung läßt sich gut ablesen, alle Schalter sind ordentlich zu bedienen. Unter der Sitzbank findet sich ein 4,5 Liter fassendes Staufach, in welchem man Kleinkram unterbringen kann. Der Tank faßt 20 Liter, was bei einem Verbrauch von rund fünf Litern auf 100 Kilometern für eine Reichweite von etwa 400 Kilometern sorgt. Außer einem Seitenständer verfügt die GSX 600 F auch über einen Hauptständer, für dessen Bedienung man allerdings durchaus ein bißchen Muskelschmalz mitbringen sollte.

Mit der GSX 600 F präsentiert Suzuki ein Mittelklassemotorrad, das vor allem durch sein Fahrwerk, seine Ausstattung und seinen Preis begeistern kann. Der Motor allerdings enttäuscht vor allem durch seinen mangelnden Durchzug. Dennoch wird die GSX 600 F sicher ihren Weg machen, auch wenn sie in diesem Marktsegment auf durchweg starke Konkurrenz trifft.

Wolfgang Zeyen


Der Vierzylinder ist eher durchzugsschwach (oben), die Heckleuchte sehr auffällig.

Technische Daten

Motor: luft-/ölgekühlter Vierzylinder-Reihenmotor, Hubraum 600 cm3, Bohrung x Hub 62,6 x 48,7 mm, vier Ventile pro Zyl., zwei oben liegende Nockenwellen (dohc), 80 PS bei 10.500 U/min, 55 Nm bei 10.000 U/min, vier Gleichdruck-Vergaser 32 mm, Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Naßsumpfschmierung, Sechsganggetriebe, E-Starter, Kette

Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahl-Profilen, v. Telegabel, 41-mm-Gleitrohre, Federweg 130 mm, h. Stahlkastenschwinge, Zentralfederbein, Federweg 142 mm, v. Zugstufe, h. Vorspannung und Zugstufe einstellbar, Reifen v. 120/70 ZR 17, h. 150/70 ZR 17, v. Doppelscheibenbremse (d = 290 mm) mit Doppelkolbensätteln, h. Einzelscheibe (d = 240 mm) mit Zweikolben-Festsattel

Maße und Gewichte: Radstand 1470 mm, Nachlauf 99,5 mm, Lenkkopfwinkel 64,4 Grad, Leergewicht 228 kg, Tank 20 I, Sitzhöhe 785 mm

Preis: 11.990 Mark



Die neue GSX 600F gefällt durch ihr sehr eigenständiges Design. Die Verkleidung bietet ordentlichen Windschutz.
Quelle: Motorradfahrer 2/98