TEST: Suzuki GSX 600 F

Das jungste Gesicht

Die Suzuki 600 F liefert einen anschaulichen Beweis für die Leistungsfähigkeit der plastischen Chirurgie - dank umfangreicher kosmetischer Retuschen ist sie nicht wiederzuerkennen.



Die GSX 600 F bringt unterm Strich alle Voraussetzungen mit, um der Konkurrenz. allen voran der CBR 600 F von Honda, die Stirn zu bieten" – so analysierte Tester Mini Koch in MOTORRAD 3/1988 die Chancen des damals brandneuen Suzuki-Mittelklasse-Sportlers.

Zehn Jahre später rangiert besagte Honda, mittlerweile soundsooft modellgepflegt, immer noch im Spitzenfeld der 600er Leistungsgesellschaft, während sich die GSX 600 F ohne nennenswerten Widerstand dem Alterungsprozeß ergeben und der Rolle des sportlich ambitionierten Heißsporns ganz gelassen den Rücken gekehrt hat.

Was nicht heißt, daß die „F" über die Jahre Ihren Daseinszweck verloren hätte. Im Gegenteil: Genug Leistung für zügiges Vorankommen, ein Fahrwerk ohne gravierende Schwächen, eine Verkleidung gegen das Gröbste, ein Kaufpreis, der nicht schwach macht – mit diesem Angebotsspektrum jenseits allen zeitgemäßen Spezialistentums und jenseits ernsthafter Konkurrenz kam die GSX gut über die Jahre.

Um gleichwohl der Gefahr des Rückschritts durch Stillstand vorzubeugen – wer weiß schließlich schon, wie lange die Mitbewerber im gehobenen Brot-und-Butter-Segment noch zu schlafen gedenken –, hat Suzuki die 600 F nun erst- mals in ihrer langen Karriere einem spektakulären Facelift unterzogen.

Spektakulär, weil die Ma- schine mit ihrer markanten Scheinwerferbrille und den zwischen Rubens und Bio- Design schwelgenden Formen auf den ersten Blick wie ein völlig neues Motorrad anmutet. Spektakulär aber auch, weil ihre gestalterische Runderneuerung einen hohen Reiz auf die Geschmacksnerven der interessierten Umwelt ausübt. Wobei sich Akzeptanz und Ablehnung — so das Ergebnis einer nicht repräsentativen Umfrage — eher die Waage halten. Vorsichtig ausgedrückt.

Unter ihrer kontrovers diskutierten Schale ist die GSX 600 F jedoch die alte geblieben, sieht man einmal davon ab, daß der Motor „dank" kleinerer Vergaser und einer Vier-in-eins-Auspuffanlage nominell sechs PS eingebüßt hat. Gleichwohl beschleunigt die mit knapp 230 Kilogramm nicht gerade leichtgewichtige Maschine standesgemäß und überscheitet souverän die 200-km/h-Marke. Obendrein tut sie dies, ohne mit lästigen Vibrationen zu nerven. Alles wie gehabt also.

Leider ist es - ebenso wie gehabt - mit der Leistungsfähigkeit des Vierzylinders in der unteren Hälfte seines Drehzahlbands nicht weit her. Erst ab 7000/min kommt richtig Leben in die Bude - schaltfaules Fahren und gehobene Fahrdynamik sind mit diesem Antrieb nicht unter einen Hut zu bekommen. Daß der Motor obendrein mit einem störrisch schaltenden Sechsganggetriebe kommuniziert, macht es nicht verlockender, sich auf dessen „sportliche" Art der Kraftentfaltung einzulassen.

Leichter fällt es unter dem Strich, der Benutzeroberfäche der GSX-F Beifall zu spenden. Die ergonomischen Gegebenheiten sorgen bei einer Körpergröße um die einsachtzig für eine Fahrhaltung mit leicht nach vorn gelehntem Oberkörper und relativ stark angewinkelten Unterschenkeln - richtig für versammelt-konzentriertes Kurvenräubern wie für ausdauerndes Kilometerfressen bei hohen Geschwindigkeiten. Kleinere Fahrer(innen) müssen sich ein wenig nach den Lenkerhälften strecken, haben aber dafür im Stand stets sicheren Boden unter den Füßen.

Ungeteilte Zustimmung findet die Verkleidung, die dem Oberkörper guten Windschutz bietet und den Kopfbereich vor Verwirbelungen verschont. Zufriedene Mienen gibt's auch angesichts des übersichtlichen und appetitlich aufbereiteten Cockpits sowie perfekter Lenkerarmaturen. Lob ist schließlich noch aus der hinteren Reihe zu vernehmen: Dort bietet die F genügend Freiraum für dauerhafte Zweierbeziehungen.

Für den anhaltenden und ungetrübten Genuß ihres Fahrleistungspotentials setzt die neue GSX 600 F auf altgediente Technik. Lediglich kleine Korrekturen an Radstand (plus 40 Millimeter), Lenkkopfwinkel (minus 0,6 Grad) und Reifendimensionen (120/70-17 und 150/70-17 statt 110/80-17 und 140/80-17) kennzeichnen den Modellwechsel. Korrekturen freilich, die ihre Wirkung nicht verfehlen: Unreinheiten im Geradeauslauf bei hohen Geschwindigkeiten und die Neigung zu störendem Eigen-lenkverhalten auf holprigem Untergrund - beides Schwachpunkte des Vormodells - sind kein Thema mehr. Geblieben sind die Vorzüge des F-Chassis: leichtfüßiges Handling und Immunität gegen Kursabweichungen beim Verzögern in Schräglage. Wobei das Kapitel Bremsen für sich betrachtet kein Ruhmesblatt ist: Die vordere Doppelscheibenanlage, nunmehr mit Doppel-kolben- statt Vierkolbenzangen bestückt, verlangt viel Handkraft und gibt wenig Rückmeldung - gefühlvolles Dosieren ist da Fehlanzeige.

Rückmeldung über den jeweiligen Sraßenzustand hingegen geben die Federungselemente. Ihr Ansprechverhalten ist bescheiden, und obendrein ist die Hinterhand so straff ausgelegt, daß erst im Soziusbetrieb so etwas wie Federungskomfort zustande-kommt. So geschieht es bei schneller Fahrt auf richtig schlechten Sraße nicht selten, daß es den Solisten als Spielball der Massenkräfte von der Sitzbank katapultiert. Ein Trost in diesem Zusammenhang: Der Gewinn an Fahrstabilität (siehe oben) verhindert immerhin, daß die neue 600 F bei derartigen Gelegenheiten Gefahr läuft, kopfschüttelnd ihr Gesicht zu verlieren.



Mein Fazit
Kleider machen Motorräder. Frisch in Schale geworfen - ob die nun gefällt oder nicht - streift die GSX 600 F äußerlich ganz locker die Last der Jahre ab. Das neue Erscheinungsbild kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie in ihrer Substanz die alte geblieben ist. Das enttäuscht, weil der Motor nach wie vor eine unharmonische Leistungsentfaltung besitzt. Das ist aber auch gut, weil das Fahrwerk einerseits alte Handlingtugenden bewahrt, andererseits aber alte Stabilitätsprobleme bewältigt hat. Vor allem aber gut, weil der Rückgriff auf altgediente Technik eine Preisgestaltung ermöglicht, die es leicht macht, großzügig über konzeptionelle Schwächen hinwegzusehen.