Ganz von vorn

Mit aufsehenerregenden 86 PS, verpackt in ein aerodynamisches Plastikkostüm, bläst Suzuki zum Angriff in der sportlichen Mittelklasse.

Es war nur eine Frage der Zeit. Der Erfolg der super sportlichen GSX-R-Modelle der 750er- und 1100er- Klasse mußte Suzuki dazu motivieren, auch in die 600erKlasse sportlich einzusteigen.
Wer allerdings glaubte, die Ingenieure in Hamamatsu würden die rennerprobte GSX-R 750 zur Basis der neuen 600er nehmen, wurde eines Besseren belehrt. Die GSX 600 F präsentiert sich schon äußerlich weniger aggressiv und soll nach Angaben ihrer Konstrukteure neben der harten sportlichen Gangart auch bequemes Touren ermöglichen.
Nur der Motor ist optisch und technisch ein verkleinerter Ableger des 750er-Aggregats. Metallic-grau lackiert, mit filigraner Zylinderverrippung und kompaktem Motorgehäuse präsentiert sich der vierzylindrige Kraftprotz als wahres Kleinod. Allerdings erst, wenn man die Kunststoffverkleidung entfernt.
Vier Ventile pro Zylinder, über zwei rollenkettengetriebene Nockenwellen und – der Hobbyschrauber freut sich – Gabelschlepphebel mit Einstellschrauben betätigt, steuern den Gasdurchsatz. Für angemessene Arbeitstemperaturen sorgt neben den Zylinderverrippungen eine Ölkühlung, wie sie schon bei den GSX-R-Motoren zur Zufriedenheit arbeitet. Zwei Ölpumpen sind im Einsatz, die erste versorgt die Gleitlagerstellen des Motors, die zweite leitet Motoröl direkt auf die thermisch hochbelasteten Zylinderkopfpartien. Ein groß dimensionierter Ölkühler, vor dem Motor direkt im Luftstrom platziert, sorgt für einen raschen Wärmeaustausch und niedrige Öltemperaturen.
So schön der Motor anzuschauen ist, so wenig attraktiv ist das Fahrwerk gestaltet. Zu viele Blechstanzteile, lieblose Roboterschweißnähte und eine zwar zweckdienliche, aber unschöne Formgebung der Rahmenoberzüge machen deutlich, dass bei der Konstruktion der GSX 600 F die Funktion an erster Stelle stand. Gut, dass sich das alles schamhaft unter der Karosserie versteckt.
Nicht schön, aber funktionell: Brückenrahmen mit geschraubten Unterzügen für einfache Motordemontage

Auch die Elektrik und das Labyrinth von Schläuchen erinnern eher an Muttis Waschautomat als an ein Motorrad. Das kennt man allerdings schon von den anderen japanischen Motorradbauern, und schließlich hat das Verfahren gute Gründe: Um hochklassige Technik zu einem konkurrenzfähigen Preis anbieten zu können, müssen die Hersteller irgendwo einsparen, zum Beispiel bei der optischen Verarbeitung.
Leider hat der Rotstift auch vor so wichtigen Punkten wie Gabel und Federbein nicht Halt gemacht. Die Vorderradführung muss gänzlich ohne Einstellmöglichkeit auskommen, das Monofederbein am Full Floater-System kann nur in der Federvorspannung und da auch lediglich nach umständlicher Fummelei mit einem Hakenschlüssel verändert werden. Dabei hat Suzuki an den GSX-Modellen schon vor Jahren eine gut zugängliche und clevere Federverstelltechnik mittels Hydraulik verwendet.
Im Fahrbetrieb stellt sich allerdings heraus, dass die Fahrwerksauslegung der GSX 600-F für den Solobetrieb durchaus gelungen ist. Zwar ist die Hinterhand für den sportlichen Einsatz zu weich gedämpft, auf der normalen Landstraße mit Schlaglöchern und Querrillen vermittelt die Abstimmung jedoch ein Maximum an Komfort, ohne bei langen Wellen und hoher Geschwindigkeit das Fahrwerk in Unruhe zu versetzen. Auch Autobahnabschnitte mit schlechtem Belag meistert die Suzuki klaglos, ohne Lenkerpendeln, ohne Wackeln.
Ähnlich überzeugend setzt sich die vordere Doppelscheibenbremse in Szene. Sie läßt sich hervorragend dosieren und verzögert außergewöhnlich gut, auch in erhitzter Verfassung. Dabei greifen dieselben Vierkolben-Bremszangen zu, wie sie an der RG 500 oder GSX 750 verbaut werden. Die 295 Millimeter großen, reichlich perforierten Scheiben selbst sind wie eh und je starr verschraubt. Auch das hintere Gegenstück verdient beste Noten, verlangt allerdings eine nachdrücklichere Bedienung, womit jedoch einem ungewollten Überbremsen wirksam vorgebeugt wird.
Gelochte Doppelscheibenbremse mit fest verschraubten Vierkolbenzangen verzögert das Vorderrad mit hohlgegossener Nabe und drei Doppelspeichen