Kurztest Suzuki GSX X600/750 F Modell 1990

Herbstmode

Im Herbst zeigen die Modezaren die Trends der nächsten Saison. Auch Suzuki läßt einige Modelle der neuen Kollektion schon jetzt auftreten.

 


Es war ganz offensichtlich ein gutes Jahr für Suzuki: Die Lager sind so leer, daß schon im Herbst die Nachfolgemodelle der GSX 600/750 F für die kommende Saison ausgeliefert werden.
Nachdem der 600er schon 1989 umfangreiche Fahrwerkspflege zuteil wurde, nahmen sich die Ingenieure nun den Motor vor. Unverändert gibt Suzuki zwar 86 PS an. Aber entscheidend ist ja nun, was hinten herauskommt. Und das stimmte in der Vergangenheit nicht mit den Angaben überein. Das beste bei MOTORRAD je gemessene Exemplar hatte 83 PS, oft streute die tatsächliche Leistung noch weiter nach unten. Auch die Konkurrenten blieben unter der Papierform.
Statt sich nun weiterhin am Wettbewerb um die höchste Nominalleistung zu beteiligen, verlegte sich Suzuki auf zwei Ziele: die 86 PS endlich wirklich zu erreichen und gleichzeitig die künftigen Emissionsgrenzwerte zu unterbieten.
Den Geräuschpegel verringert ein bis zum Ende des Auspufftopfs verlängertes Innenrohr. Die bisher verwendeten 31-Millimeter-Flachschiebervergaser wurden gegen Mikuni Slingshot mit 33 Millimeter Durchlaß ausgetauscht.
Die Einlaßnockenwelle weist nun 8,8 statt 8,2 Millimeter Hub auf und läßt die Ventile um acht Grad später schließen. Durch bessere Füllung steigt die Leistung auf echte 86 PS.
Gleichzeitig stimmte Suzuki aber die Auslaßnockenwelle zahmer ab als bisher: 7,0 statt 8,0 Millimeter Hub und acht Grad kürzere Öffnungsdauer. Die Spülverluste und damit die Emissionen fallen daher trotz gestiegener Leistung geringer aus. Laut Suzuki soll die GSX 600 F bei unveränderten Drehzahl- und Drehmomentangaben sogar die Grenzwerte der kommenden ECE R 40.01 erfüllen.
Im Fahrverhalten und in den Fahrleistungen machen sich die Änderungen nur geringfügig bemerkbar. Wo absolute Höchstleistung gefragt ist, bei der Höchstgeschwindigkeit und bei der Beschleunigung, sind die Werte etwas besser geworden. Zu zweit erreicht sie die Höchstgeschwindigkeit von 191 km/h nur noch im fünften Gang, der rund zehn Prozent kürzer übersetzt ist.
Auch mit 27 und 50 PS wird die GSX 600 F weiterhin angeboten – mit der neuen Lackierung, aber mit der Technik der 1989er Modelle. Sie können auch künftig auf volle Leistung entdrosselt werden. Umgekehrt ist dies mit dem 1990er 86-PS-Modell jedoch nicht möglich. Suzuki spart sich die Kosten eines neuen Gutachtens, das für eine Drosselung notwendig wäre.
Modifikationen an den 36er-Slingshot-Vergasern hätten der GSX 750 F ebenfalls gutgetan. Denn die Kaltstarteigenschaften sind weiterhin miserabel.
Stattdessen nahm man sich des 750er-Fahrwerks an. Es bekam ein neues Gasdruckfederbein mit externem Ausgleichsbehälter spendiert. Obwohl die Abstimmung im MOTORRAD-Test viel Lob erfuhr, hatte Suzuki eine zu schwache Dämpfung bei extremer Beladung geortet. Nun wählte man eine Zugstufendämpfung, die selbst in der schwächsten der nunmehr vier Stufen deutlich über der strammsten der drei bisherigen Stufen liegt – und damit sogar mit Sozius zu hoch. In Stufe vier schafft es die Feder im Zeitlupentempo, den Dämpfer nach dem Einfedern wieder in die Ausgangslage zu drücken.
Zu allem Überfluß ist die Zugstufe nicht mehr komfortabel über einen Seilzug unter der Sitzbank, sondern Fingernägel-mordend im Dreck am unteren Federbeinende einzustellen. Von dort ist die nunmehr stufenlose Verstellmöglichkeit für die Federbasis kaum erreichbar ans obere Ende gewandert.
Da tröstet es auch nicht, daß die Druckstufe bequem über ein Handrad in zwanzig Stufen zu verstellen ist: Auch hier paßt die weichste Einstellung am besten. An den Dämpfungselementen der Gabel hat Suzuki ebenfalls gearbeitet, zum Glück ohne große praktische Auswirkungen. Stattdessen hätte eine stärkere Federvorspannung helfen können, das Durchschlagen bei harten Bremsungen zu vermeiden.
Mit 10 630 beziehungsweise 12 740 Mark unterbietet Suzuki wie bisher ziemlich deutlich die Preise der Klassenmaßstäbe CBR 600 F und VFR 750 F von Honda. Während die Modifikationen an der Suzuki GSX 750 F eine eindeutige Verschlechterung bedeuten, fruchtet die Modellpflege an der GSX 600 F und verringert den Abstand zur Klassenbesten.

Von Thomas Bauer; Fotos: Frank Herzog
Quelle: MOTORRAD 25/1989